Erik am 26.07.2015

Landwirtschaft: "Wir müssen aus der Falle Wachsen oder Weichen rauskommen!"

Mit seinem Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung"* hatte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz der Bundessregierung im März für Aufregung gesorgt.  Kernaussage des Gutachtens:  Die Haltungsbedingungen für Nutztiere in Deutschland sind größtenteils nicht zukunftsfähig.  Zustimmung gab es von Tierschutzverbänden, Umweltverbänden und den Grünen, Kritik dagegen vom Bauernverband, der „erhebliche Schwächen“ bei den methodischen Grundlagen des Gutachtens ausgemacht haben wollte und die Empfehlungen des Beirates als „unverantwortlich leichtfertig" bezeichnete. Verkehrte Welt?

Grund genug für die Landtagsfraktion und den Landesverband,  Herrn Prof. Dr. Harald Grethe von der Universität Hohenheim als Vorsitzenden des Beirates in den Schleswig-Holsteinischen Landtag einzuladen. Ein spannender Vortrag im gut gefüllten Saal erwartete die rund 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Landwirtschaftsminister Robert Habeck ging in seinem Eingangsbeitrag auf die gesellschaftliche Dimension der Nutztierhaltung ein. Bei diesem Thema prallten emotionale, ethische und ökonomische Aspekte hart aufeinander. Es sei aber in Schleswig-Holstein mit dem Runden Tisch für Nutztierhaltung bereits gelungen, sich aus dieser Konfliktlage heraus zu bewegen und konkrete Schritte für eine Verbesserung der Haltungsbedingungen zu vereinbaren. Dies sei aber noch kein grundlegender Wandel in der Nutztierhaltung. Er verteidigte den Begriff „Agrarwende“, denn „Wir müssen irgendwie die Kurve kriegen, um aus der Falle Wachsen oder Weichen rauszukommen".

Für die Landtagsfraktion führte der agrarpolitische Sprecher Bernd Voß durch die Veranstaltung. Er sprach Herrn Grethe seine Anerkennung für das aus, was alles durch das Gutachten auf den Weg gebracht worden sei.

Prof. Dr. Grethe legte Wert auf die Feststellung, er habe nicht von den Grünen abgeschrieben. Das Gutachten sei kein Plädoyer gegen „Massentierhaltung“. Tierschutzgerechte Haltungsformen seien keine Frage der Größe von Tierbeständen. Das Gutachten empfehle zwar auch Bestandsobergrenzen, aber aus Umwelt- und nicht aus Tierschutzgründen. Diese seien erforderlich, falls es nicht gelänge, das Problem der regionalen Nährstoffüberschüsse mit Hilfe des Düngerechts in den Griff zu kriegen. Die Kernbotschaften des Gutachtens seien: Mehr Tierschutz ist notwendig, ist machbar, gibt es nicht umsonst, ist bezahlbar, es gibt einen geeigneten Instrumentenmix zur Umsetzung. Die Mehrkosten auf der Produktionsseite bezifferte er miti etwa 13 bis 23 Prozent.  Bei der Berechnung habe man sich an den Haltungsverfahren im Ökolandbau (nicht eingerechnet die Mehrkosten für ökologische Fütterung) und am Tierschutzlabel des Tierschutzbundes orientiert. Bezogen auf die Gesamtvolkswirtschaft sei das 0,1 bis 0,2 des Bruttoinlandsproduktes, in etwa drei Prozent der heutigen Ausgaben für Nahrungsmittel. Dies sei finanzierbar über einen Mix aus Maßnahmen, wie Brancheninitiative, Tierwohl-Label und Umschichtung der Direktzahlungen in Förderung von Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls. Für Letzteres würden heute in Deutschland etwa 40 Millionen € jährlich ausgegeben, dies sei auf 530 Millionen € anzuheben. Er zeigte sich überzeugt, dass Landwirte gerne mehr Tierwohl umsetzten, wenn die Mehrkosten gesellschaftlich getragen würden.  Er sprach sich für eine Versachlichung der Diskussion und einen echten Dialog aus. Dabei äußerte er sich auch kritisch gegenüber den Grünen aufgrund der pauschalen und zum Teil diffamierenden Kritik gegenüber Großbetrieben. Dies sei kein Beispiel gelungenen Dialogs. Dabei verglich er das Klischee des Massentierhalters mit dem des Spekulanten. Ebenso wenig dialogorientiert sei aber die Haltung des Bauernverbandes, wenn er sagte, die Bauern machten bereits alles richtig, die Gesellschaft habe nur noch nicht verstanden, dass moderne Ställe eigentlich Wellnessoasen seien. Zur Erarbeitung von Leitlinien für Haltungssysteme empfehle er die Einrichtung einer Enquete -Kommission des Bundestages. Aus Gründen des globalen Ressourcenschutzes sei eine Verringerung des Fleischkonsums in den Industrieländern erforderlich.

Anschließend kommentierte Dietrich Pritschau den Vortrag. Er freue sich, als Tierhalter (Sauen, Mastschweine, Färsenaufzucht) an der Diskussion teilnehmen zu können. Entscheidend sei, wie es den Tieren ginge, nicht die Größe der Tierbestände. Er sähe  bei seinen Berufskollegen keine Abwehrhaltung gegenüber dem Tierschutz. Mehr Tierschutz in die Ställe, auf unterschiedlichen Wegen, sei das Ziel der meisten Tierhalter, weil es auch mit mehr Erfolg im Stall gepaart sei. Die heutige Situation Diskussion sei das Ergebnis der jahrzehntelangen Vermarktung. Die Tierhalter hätten sich lediglich an gegebene Rahmenbedingungen angepasst. Er bezweifelte, dass die gesellschaftliche Akzeptanz der heutigen Tierhaltung in Gefahr sei. Es seien lediglich bestimmte Gruppen, die die Kritik vorbrächten. Höhere Preise für mehr Tierwohl seien nach seiner Einschätzung in absehbarer Zeit nicht am Markt nicht zu realisieren. Zudem bezweifelt er, ob der Weg über die Umschichtung in zweite Säule sinnvoll sei. Da die meisten Tierhalter auch Ackerbauern seien, würde damit lediglich eine Umverteilung von der linken in die rechte Tasche erfolgen.

Kirsten Wosznitza , Milchbäuerin aus Nordfriesland mit 120 Milchkühen, aktiv im Bund Deutscher Milchviehalter, kommentierte ebenfalls den Vortrag. Über viele Jahre seien der BDM und andere Organisationen für Kritik an der „modernen Tierhaltung“ belächelt worden.  Die heutige Situation sei eine Folge der einseitigen Ausrichtung ausschließlich auf ökonomische Vorteile. Sie begrüßt die Thesen des Gutachtens („Sie haben nicht von den Grünen abgeschrieben, sondern vom BDM“), hätte sich aber frühzeitiger derartige Warnungen von Wissenschaftsseite gewünscht. Sie zeigte sich enttäuscht über das Ausbleiben eines Vertreters/einer Vertreterin des Lebensmittelhandels. Vermisst habe sie im Vortrag von Herrn Prof. Grethe Hinweise darauf, wie weniger Fleischkonsum zu erreichen sei. Zu seiner Forderung nach Umschichtung der EU-Zahlungen bemerkte sie, damit solle vieles gerichtet werden. Zudem seien die Zahlungen in der zweiten Säule nicht verlässlich auf Dauer. Angesichts des Verlustes an Milchgeld in Höhe von 10 Cent pro Liter Milch seien 5 Millionen € für Tierwohlmaßnahmen ein Witz. Der Verlust des Milchgeldes werde mit Sicherheit keinen Beitrag zum Tierwohl leisten. Zudem hätten viele Betriebe weiteren Investitionsbedarf für Verbesserungen beim Umweltschutz.  Kritisch äußerte sie sich auch zum Bekenntnis von Prof. Grethe für offene Märkte. Ohne Außenschutz sei eine am Bedarf orientierte Mengensteuerung nicht realisierbar. Zu befürchten sei eine weitere Verschlechterung der Situation vieler Milchviehbetriebe, wenn der Außenschutz vollständig abgebaut würde.

In der anschließenden Diskussion wurden die Themen Umschichtung der Direktzahlungen, Tierwohllabel und Brancheninitiative, Außenschutz und Exportproblematik, Schlachtung und Schlachttransporte, Fleischkonsum und viele weitere Einzelpunkte angesprochen. Die sehr rege Beteiligung zeigte, wie aktuell dies Thema ist. Einig war man sich darin, die Diskussion mit den Tierhalterinnen und Tierhalten und nicht gegen diese zu  führen.  Dank an dieser Stell an Dietrich Pritschau und Kirsten Wosnitza, die als Schweinehalter bzw. Milchbäuerin en Vortrag von Herrn Grethe kommentierten.

*Das vollständige Gutachten, eine Kurzfassung sowie eine Zusammenfassung sind hier zu finden: http://www.bmel.de/DE/Ministerium/Organisation/Beiraete/_Texte/AgrVeroeffentlichungen.html;jsessionid=75C71EF51CDB89CD9B1483DC4944A718.2_cid391

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