

Öffnungszeiten: Mo - Fr 9 - 18 Uhr
Doris Heldt, www.echte-helden-kiel.de
Dagmar Petersen, www.dagmarpetersen.de
Sandra Tomaschek, www.sandratomaschek.de
Andreas Srogosz-Osnabrügge

Einsamkeit unter Bäumen
Rede zur Ausstellungseröffnung am 18.3.10, Landtagsfraktion B90/ Die Grünen Schleswig-Holstein Robert Habeck
Sehr geehrte Damen und Herren,
Vier KünstlerInnen, eine Ausstellung – das nennt man "blind date". Und ich möchte mich, bevor ich Ihnen die KünstlerInnen vorstelle und ein paar Anmerkungen zu Ihrer Kunst mache,– bevor ich es vergesse wie beim letzten Mal – bei der "date Doktorin" Bettina Aust bedanken.
Liebe Bettina,
du organisierst diese Ausstellungen mit großer Um- und Weitsicht, ja mehr, manchmal hat man den Eindruck, du organisierst die Kunst- und Kulturszene Schleswig-Holsteins. Und wenn es den Grünen immer mehr gelingt, Anwältin der Kreativen zu sein, dann ist das zu einem überwältigenden Teil Dein Verdienst. Danke!
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich muss mich entschuldigen. Ich breche gerade ein gegebenes Wort. Auf der letzten Fraktionsklausur der Grünen stellte ich ein kleines Papier mit der Überschrift "Heimat reloaded" vor. Es gab eine heftige Debatte – und später bekam ich - wenig überraschend viele Mails und Anrufe. Allerdings regten sich die Leute gar nicht über die Tatsache auf, dass ein Grüner das Wort Heimat in den Mund nimmt, sondern über den Begriff "reloaded" – also den Anglizismus – der an dieser Stelle natürlich mit Bedacht gewählt, um gleich klar zu machen, dass unser Heimatbegriff auch einer der Fremde sein soll, eine entfremdete Heimat, sozusagen. Aber ich versprach einigen, in Zukunft sparsamer mit Anglizismen umzugehen. Tja, und jetzt: Willkommen zu "blind date" – wie man auf Plattdeutsch sagt.
Als mir Bettina erstmals von der Ausstellung erzählte, dachte ich unwillkürlich an die bekannte Geschichte eines anderen norddeutschen Kunst-dates, dem Zusammentreffen von Künstlerinnen und Künstlern in Worpswede. Ich blätterte in dem Insel-Taschenbuch des Lyriker Rainer Maria Rilke über Worpswede und stieß auf folgendene Sätze: "Landschaft ist ein Fremdes für uns und man ist furchtbar allein unter Bäumen, die blühen, unter Bächen, die vorübergehen: Allein mit einem toten Menschen, ist man nicht so preisgegeben wie allein unter Bäumen. […] Ein Bildnis machen, heißt das nicht, den Menschen wie eine Landschaft sehen, und gibt es eine Landschaft ohne Figuren, welche nicht ganz erfüllt ist davon, von dem zu erzählen, der sie gesehen hat?"
Also erzähle ich Ihnen von denen, sie sie gesehen haben. …
In Sandra Tomascheks Bildern findet die Rückwandlung der Natur durch den Menschen statt. Die Figuren stehen dicht und erinnern in der Aufstellung an Bäume und Wälder. Aber nicht nur im Figurativen gilt Rilkes: "den Menschen wie eine Landschaft sehen", es ist auch die Dynamik in den Bildern, die Farbgebung, das übertreten der Umrisse durch Farben, das die Bewegtheit der Natur zurück in die Darstellung holt.
Doris Held arbeitet anders: Ihr Malstil ist gegenständlich. Aber die Bildkomposition holt die Gegenstände aus dem Abbildhaften heraus, ordnet sie graphisch an. Ihre, wie sie selbst sie nennt, "Streifenbilder" machen die Motive klein, den Rahmen und das Umfeld groß. Damit arbeiten ihre Bilder genau mit dem Effekt, den wir wohl empfinden, wenn wir uns in einer großen Landschaft befinden. Unsere Welt wird klein. Oder, wie Rilke sagte, "Landschaft ist ein Fremdes für uns und man ist furchtbar allein unter Bäumen" – das ist man auch in den Bildern von Doris Heldt. Erkennen Sie das Landeshaus? Hier befinden Sie sich – allein unter Fremden.
Dagmar Petersens Portraits kolorieren das zu Sehende. Die Schatten werden tiefe, die Farbdifferenzen größer, die Verfremdung nimmt zu. Kunst führt uns das Sichtbare als Fremdes vor. Das ungefähr dürfte ihr Wesen schlechthin sein. Doch gehen Petersens Bilder über diese allgemeine Bestimmung hinaus. Sie zeigt "Figuren, welche ganz erfüllt sind, von dem zu erzählen, der sie gesehen hat". Der Blick der Kunst bildet nicht ab, er erzählt über die Blickende.
In Andreas Srogosz-Osnabrügges Bilder vermischt sich das Gegenständliche mit dem Assoziativen. Übergänge sind wichtiger als Grenzen. Die Formen stehen für die Dinge selbst. Und wenn es Gegenstände gibt, dann nicht, weil sie zuerst da waren, sondern weil sie sich aus den Übergängen und Überschreitungen von Grenzen herausschälen. Es gibt Gegenständlichkeit trotz der Vereinnahmung des Raumes durch Flächen, trotz des Blühens und Vorübergehens, das in allem steckt. Und in Andreas Bildern auch direkt anzuschauen ist.
Sehr geehrte Damen und Herren,
"Blind date" – Blinde Verabredung – das lässt das Wortspiel zu, ob es nicht geradezu das Wesen von Kunst ist, die Augen zu öffnen. Und ob sie das nicht tut, indem sie unintendiert Beziehungen stiftet. "Date" – das stammt vom Lateinischen Datum. Und Datum heißt grammatisch: Etwas Gegebenes. Das ist eine infinite Verbform, ein Partizip. Sie verweist auf etwas schon Vergangenes, etwas, das geschaffen wurde und durch das – partizipierend – Teilhabe und Gespräche ermöglicht werden.
Das ist das Spannende heute Abend! Die Feldlinien und Beziehungen, die Kunst stiften kann. Einen interessanten, bereicherenden, blinden Abend, der uns die Augen öffnet.
Rilke fährt in seinem Worpswede-Buch fort und erläutert die Einsamkeit des Menschen unter Bäumen so: "So geheimnisvoll der Tod sein mag, geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist, das nicht an uns teilnimmt und, gleichsam ohne uns zu sehen, seine Feste feiert, denen wir mit einer gewissen Verlegenheit, wie zufällige Gäste, die eine andere Sprache sprechen, zusehen."
Meine Damen und Herren, das ist die Beschreibung eines Datums. Machen wir den heutigen Abend zu einem, an das wir uns erinnern. Seien Sie unsere zufälligen Gäste eines blind dates.
Landeshaus Kiel, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel. Wir bitten um Anmeldung zur Vernissage. Tel: 988-1505, bettina.aust@gruene.ltsh.de. Bitte legen Sie am Eingang Ihren Ausweis vor.