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Ute Meyer und Wilm Feldt
Laufzeit: 24.08.2011 - 28.10.2011, Öffnungszeiten: Mo - Fr 9 - 18 Uhr
Ort: Landeshaus Kiel, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel, 1. Stock
Bitte legen Sie am Eingang Ihren Ausweis vor.
Eröffnungsrede Dr. Robert Habeck

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich habe die Ehre und Freude Ihnen vorzustellen: Ute Meyer, freischaffende Künstlerin aus Flensburg. Ute Meyer wurde 1957 geboren, wurde in Münster zur Kunsttherapeutin ausgebildet, hat ein Atelier – arbeitet aber am liebsten im Freien. Und das sieht man ihren Bildern an. Sie atmen gerade das Licht des Nordens, jenes diffuse Schimmern, dass die Elemente aufhebt und deren Reflexionen Natur zum Spiegel menschlicher Eindrücke, Empfindungen oder Ideen macht. Auf vielen der Bilder sehen Sie Vögel – aber Sie sehen noch weit mehr, sie sehen die umgebende Umwelt – den zerzausten Himmel über dem Meer, die schwimmenden Farben auf dem Watt.
Das ist die Erhabenheit der uns umgebenden Umwelt – und uns, damit meine ich in diesem Fall ganz lokalpatriotisch, die Menschen, die am und mit dem Meer leben, uns hier oben.
Aber die Bilder von Ute Meyer sind kein Naturalismus.
Auf einem Bild, meinem Lieblingsbild, sehen Sie eine Mantelmöwe. Sie steht in einer eigentümlichen Haltung vor dem Betrachter, wie ein Kinderdrachen am Himmel, schaut einen an und scheint zurückzufliegen. Die Bewegtheit des Hintergrundes gibt der Mantelmöwe eine Dynamik. Sie scheint sich vom Betrachter zu entfernen.

Meine Damen und Herren,
als ich das Bild sah, dachte ich, ich hätte es schon einmal gesehen. Das stimmt allerdings nicht, aber ich kenne einen Text, der genau solch eine eigentümliche Flughaltung beschreibt.
Er stammt von Walther Benjamin aus seinen Geschichtsphilosophischen Thesen und interpretiert ein Bild von Paul Klee.
Ich möchte Ihnen den gern vorlesen:
"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Anlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Meine Damen und Herren,
Sie befinden sich in den Räumen der grünen Landtagsfraktion.
Ich will keine parteipolitische Rede halten. Nur eine Anmerkung bringen – weil ja manchmal die Dagegen-Vokabel bemüht wird, um politische Ansätze zu diskreditieren.
Das, was Benjamin beschreibt, und was in der Politik nicht, eigentlich nie in der Konsequenz die dieser Gedanke eigentlich notwendig fordert, durchdacht wird, ist die Frage, ob Fortschritt notwendig die Trümmer aufhäuft, die einzige Form ist, die unvermeitliche Form ist, in der wir Geschichte und Zivilisation denken können.
Ich weiß nicht, was meine Kollegen im Landtag sagen würden, wenn ich denen Benjamins Geschichtsphilosophische Thesen vorlesen würde, vermutlich würde es ihnen die Sprache verschlagen – was vielleicht mal einen Versuch wert wäre…
Aber hier, an einem solchen Abend, kann man überlegen, wie im Raum der Kunst eine Antwort erfolgen kann.
Und da stehen sie:
Die Skulpturen von Wilm Feldt. Wilm Feldt wurde 1960 in Heide geboren
– ist also mit dem Licht aus Ute Meyers Bildern bestens vertraut –
ist gelernter Maschinenschlosser, hat Maschinenbau und Energietechnik in Flensburg studiert und ist hauptberuflich Projektmanager.
Bei ihm hat also der Begriff Kunst-Hand-Werk eine besondere Bedeutung – es sind Werke im Ursinn des Wortes.
Und es sind Werke, die man vielleicht als Recycling-Kunst bezeichnen könnte, oder, wie er selbst sagt : "Er verleiht den Dingen ein weiteres Leben".
Bildungsprinzip ist, die Anlage des Materials, seine Funktionalität und Form in der Hand-Werks-Arbeit fortzusetzen. Sie kennen die Tradition, Kerzen auf Gräber zu stellen – hier ist ein Grabsteinbruchstück der Sockel eines Kerzenhalters geworden.
Dort hat ein Stück Holz die Form eines Altars und wird zum Schrein des Atheisten.
Feldt nimmt Objekte aus dem Zusammenhang, gibt den Dingen einen neuen Referenzrahmen und so bezeichnen die Funktionen und Formen etwas außerhalb jeder Funktionalität – es ist eine dem Alltag abgetrotzte Unwahrscheinlichkeit der Kombination von Form und Gefüge.
Und in Feldt´s Fall verweist es – auf die Trümmer, die der Fortschritt produziert.
Und jetzt wird mir auch klar, wieso ich dachte, ich hätte Utes Meyers Möwe schon einmal gesehen.
Ich las nämlich den Benjamin - Text das letzte Mal vor zwanzig Jahren, - als ich eine Radtour nach Gibraltar gemacht habe und wir in Portbou, wo Walter Benjamin sich 1940 das Leben nahm, auf der Flucht vor den Nazis, als ihm der Grenzübertritt nicht gelang und er seine Lage für aussichtslos hielt, eine Pause machten. Wir besuchten sein Grab.
Es war ein Nachmittag, dessen Eindring-lichkeit mir noch heute nahe ist.
Die Härte des spanischen Lichts, die Erschöpfung des Bergfahrens – und dann die Wucht eines solchen Schicksals.
Der Text, den ich vorlas, stammt von 1940 und es gibt manchmal ein Zusammenspiel von Gedanken, Erinnerungen und Bilder, die wirkungsmächtig sind. So wirkungsmächtig, dass sie einem Bilder oder Objekte bekannt vorkommen lassen, auch wenn man sie noch nie gesehen hat.
Ich glaube, das ist schon ziemlich genau das Wesen von Kunst, ein Spur legen, eine Fährte, auf der man immer wieder und wieder sich selbst begegnet, entfremdet und verändert durch das gesehene. In dem "ein zweites Leben verliehen wird".
Meine Damen und Herren,
einen solchen Abend wünsche ich Ihnen!
Und wer sich an diesen Abend erinnern möchte, der kauft eines der Bilder oder der Werke.
Ich bedanke mich, dass Sie heute hier sind und bei Bettina Aust, für die – wie stets – wunderbare Organisation.
