

Zurück aus Sylt. Der erste bedeckte Tag und kühler. So konnte man es im Zug aushalten. Das Sylter Heimatmuseum befindet sich in einem alten Friesenhaus in Keitum (die Porschedichte ist immer wieder erstaulich). Neben Abteilungen zur geologischen Frühgeschichte findet sich auch eine Ausstellung zu Jens Uwe Lornsen.
Ich treffe mich mit Silke von Bremen, die alles über Sylt weiß und über Lornsen geforscht hat. 1830 verfasste er seine Schrift "Über das Verfassungswerk in Schleswigholstein". Schleswigholstein schrieb er zusammen, um deutlich zu machen, dass beide Landesteile zusammengehörten. Die Lage war nämlich kompliziert. Beide gehörten als Herzogtümer zu Dänemark, aber Holstein als deutsches Herzogtum eben auch zum Deutschen Bund. In der aufkommenden Diskussion über die Zugehörigkeit des Landesteils Schleswig beriefen sich alle Beteiligten immer wieder auf historische Dokumente, oft aus dem Mittelalter. Lornsens Schrift stellte die politische Wirklichkeit in den Mittelpunkt und hob auf eine Reform der Verwaltung ab.

Gegen den Rat seiner Freunde, darunter namenhafte Professoren der Zeit, druckte er sie und verteilte sie in Kiel und Flensburg 9000fach. Sie sollte einen "Petitionssturm" auslösen und die Stadträte ermutigen, sich an den dänischen König zu wenden, um Reformen durchzusetzen (also das Prinzip des Protestes, das noch heute angewandt wird). Aber der Kieler Bürgermeister lehnte sie als "Urkunde gegen die bestehenden Verhältnisse, Neuerungssucht und unreife Ideen eines jungen Mannes" ab.
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Tatsächlich bietet die 15 Seiten kurze Schrift wenig Bezugspunkte für die spätere nationale Vereinnahmung. Lornsen fordert nicht die Abtrennung "Schleswigholsteins" von Dänemark. Er will eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik, eine Repräsentativverfassung, ein Parlament aus zwei Kammern mit einer gesetzgebenden Funktion, die Staatsfinazen sollen transparent und kontrollierbar werden, Justiz und Verwaltung sollen getrennt werden.
Dies begründet Lornsen mit demokratischem Pathos. Nur durch strukturelle Reformen könne das "fade und öde" öffentliche Leben belebt werden, die Wirtschaft beflügelt werden, allgemeiner Wohlstand hergestellt werden. Das klingt modern und vertraut.
Robert Habeck am Lornsen-Denkmal |
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Mit Silke von Bremen diskutiere ich darüber, ob die spätere nationale Vereinnahmung in seiner Vita angelegt ist oder nicht. Ob man also den Verfassungspolitiker Lornsen von dem Einheitspolitiker Lornsen trennen kann. Sicher ist, die Stilisierung zum "treudeutschen und kernfriesischem Freiheitskämpfer gegen das dänische Joch" gibt seine Vita nicht her (Karl Jansen 1872). Aber es gibt auch eine systematische Verknüpfung zwischen den beiden Grundforderungen "Freiheit" und "Einheit". Die tauchte übrigens spiegelbildlich auf der dänischen Seite auf. Morgen der Besuch beim dänischen Generalkonsul Becker mit Anke Sporendoonk - wird sicher spannend.