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Heute Besuchstag in der Landesbibliothek. Zum einen war es das erste Mal, dass ich seit 20 Jahren im Sartori & Berger-Gebäude war, wo früher irgendein Schifffahrtsamt war. Nach dem Abi erkundigte ich mich dort, ob es möglich sei, vom Kanal aus auf Schiffen zu trampen und ob ich mal die Fahrtenbücher sehen könne. Heute kann ich mir ungefähr denken, was die damals gedacht haben – gesagt haben sie: Versucht hats noch keiner.
Heute war das nun der Versuch eines Politikers, Bibliothekskunde zu erlernen. Und es war ein grandioser Tag. Ich wusste zwar, dass in der Landesbibliothek die Gemälde und Zeichnungen von der Schleswig-Holsteinischen Proklamation lagerten. Aber ich hatte keine Ahnung, wie groß das größte war.
Ich hatte mit Bildern gerechnet, nicht mit einer riesigen Leinwand! Das Hauptgemälde wurde 1889 zur 50-Jahr-Feier der Erhebung angefertig und vor dem alten Kieler Rathaus am alten Markt aufgehängt, so eine Art Public Viewing der Frühzeit. In den Kellerräumen ist heute ein Restaurant, als ich nach Panama trampen wollte, eine Absturzbar, wo es den Tequilla meterweise gab. Aber das ist eine andere Geschichte.

Damals wurde in diesen Räumen Geschichte geschrieben. Und der Leiter der Landesbibliothek, Herr Jens Ahlers, und Herr Dr. Henning Unverhau, wussten viele Details zu erzählen. So wiesen sie darauf hin, dass zwei der gemalten Personen, Olshausen und Bremer, gar nicht anwesend waren, als die vorläufige Unabhängigkeit von Dänemark erklärt wurde. Olshausen war damals in Kopenhagen, Bremer wurde als Vertreter des Landesteils Schleswig direkt in der Proklamation adressiert, in die Regierung einzutreten. Aber solch ein Gemälde war wohl eher allegorisch als tatsächlich.
Spannend für mich war vor allem das anschließende Gespräch mit Ahlers und Unverhau, die insgesamt den Tag wirklich liebevoll vorbereitet haben, mit 1000 kleinen Ausstellungsgegenständen, der Führung durch die Archive und Keller. Folgender Widerspruch: Die Revolutionäre in Kiel argumentierten, dass sie so lange eine eigene Regierung bilden würden, wie der König in Kopenhagen nicht souverän sei. Sie meinten damit die bürgerliche Revolution in Kopenhagen mit Orla Lehmann an ihrer Spitze. De facto sagten sie also, dass die Monarchie vollumfänglich erhalten bleiben sollte. Während sie selbst das Gleiche taten, wie ihre Gesinnungsgenossen in Kopenhagen. Noch in den 1830 und frühen 1840 waren Lehmann und Olshausen enge Freunde, gab es einen regen intellektuellen Austausch zwischen deutschen und dänischen Liberalen. Dann aber brachte sie das Bündnis jeweils mit den Monarchien (Preussen und dem dänischen König) gegeneinander.

In der Handschriftensammlung durfte ich mit weißen Handschuhen die alten Briefe von Lornsen und Beseler betasten und die erste komponierte Fassung des Schleswig-Holstein-Liedes aus seiner Samtschatulle nehmen, die sonst im Safe verwahrt wird. Abgefahren, wie viel Aura von alten Dokumenten ausgeht. Morgen geht's nach Schleswig, dem alten Ständeort des Landesteils.