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Der Raum als dritter Lehrer

Wie Enja Riegel und ihr Kollegium die Schüler bei PISA zu Spitzenreitern gemacht hat

Interview in den Kieler Nachrichten vom 2. März 2007. Mit Enja Riegel sprach Heike Stüben.


Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gilt als eine der besten und eigenwilligsten Schulen in Deutschland. Auch, weil sie bei PISA mit großen Abstand Spitzenwerte erzielt hat. Enja Riegel (67) hat die "Versuchsschule des Landes Hessen" fast zwanzig Jahre bis zu ihrer Pensionierung geleitet. Jetzt arbeitet sie an der Gründung einer Privatschule. Gestern kam die Reformpädagogin auf Einladung der Grünen-Fraktion im Rahmen der Bildungskampagne "plietsch", die positive Beispiele von Schule aufzeigen soll, ins Kieler Landeshaus.

Frau Riegel, Sie sind Gymnasiallehrerin. Warum haben Sie an einer Grundschule unterrichtet?


Weil mir am Gymnasium klar wurde: So will ich Kinder nicht unterrichten. An die Hauptschule durfte ich nicht, an der Gesamtschule kam ich mit meinen Ideen nicht an. Danach blieb nur die Grundschule. Dort konnte ich endlich Kinder gemeinsam unterrichten und habe die Lehrkunst gelernt: akzeptieren und sich freuen, dass Kinder verschieden sind.

Wie war Ihr erster Tag als Direktorin des Helene-Lange-Gymnasiums?

Das Kollegium saß mit schwarzer Trauerkleidung da und hat ein Jahr lang nicht mit mir gesprochen. Dann haben wir gemeinsam den Umbau in Angriff genommen, nicht zu einer Gesamtschule, wie man sie kennt, sondern zu einer wirklichen Gemeinschaftsschule.

Dafür haben Sie Wände eingerissen. Haben auf jeden fünften Klassenraum verzichtet und für jeden Jahrgang ein eigenes Revier eingerichtet: mit Lehrerzimmer für das feste Team, das die Kinder durch die Schulzeit begleitet, und mit einem offenen Bereich, in dem die Kinder selbstständig arbeiten, auch ihre Ergebnisse öffentlich präsentieren. Wie hat das das Lernen verändert?

In der Regel sind die Klassentüren offen, die Kinder lernen in und außerhalb der Klasse, damit sie auf vielfältige Weise selbständig lernen können. Also nicht alle im Gleichschritt durch ein Kapitel, sondern individualisiertes Lernen. Der Raum wurde so zum dritten Lehrer. Der erste ist der studierte Lehrer und der zweite der Mitschüler.

Feste, überschaubare Lehrerteams bedeuten, dass die Lehrer auch fachfremd unterrichten müssen. Reaktionen?

Wer das nicht wollte, konnte die Schule verlassen. Wer blieb, muss seither viel mehr Zeit in der Schule verbringen und muss mehr einbringen als seine studierten Fächer. Trotzdem hat sich der Krankenstand dauerhaft halbiert. Die Lehrer sagen, es ist viel mehr Arbeit, aber wir sind auch viel zufriedener als vorher. Denn sie sind nicht mehr Einzelkämpfer, sondern können miteinander über alles reden und zusammen auch ein Teil der Macht der Schulleitung übernehmen.

Sie haben den Lehrplan reduziert und stattdessen sechswöchige Projekte eingeführt. Was lernen die Schüler dabei?

Dort lernen sie nicht in Kästchen, sondern es geht in die Tiefe. Wir wissen aus der Hirnforschung, das Wichtigste für Lernerfolg sind die ermutigende Umgebung, das Selbst-Forschen und eine Resonanz, die mehr ist als eine Note, also etwa eine Präsentation vor Eltern. Was man so gelernt hat, vergisst man nicht. Und man will mehr wissen.

In Deutschland bestimmt die soziale Herkunft maßgeblich die Schullaufbahn. Ihre Neuntklässler aber waren bei PISA etwa ein Jahr weiter, als man es aufgrund der biographischen Voraussetzungen erwarten konnte. Wie schafft man das?

Bei PISA geht es um anwendungsbezogenes Wissen. Gerade durch die Projekte und den engen Bezug zur Wirklichkeit haben unsere Schüler das früh gelernt. Und durch ständiges Lesen – die Schüler müssen zum Beispiel nachweisen, dass sie eine bestimmte Zeit in der öffentlichen Bücherei verbringen.

Die Helen-Lange-Schule war Gymnasium und wurde zur Gemeinschaftsschule ohne gymnasiale Oberstufe. Was wird Ihre neue Schule?

Juristisch eine Gesamtschule. Faktisch eine gemeinschaftliche Lernheimat vom Kindergarten bis zum Abitur inklusive Ausbildungsplätzen.

Die wichtigsten Grundprinzipien?

Keine Trennung nach Leistung! Keine Zensuren bis Klasse 9! Wir wollen nicht, dass Kinder durch Ziffernnoten beschädigt werden. Zensuren können nur innerhalb der Klasse eine Rangordnung herstellen, nicht den einzelnen Lernforschritt abbilden. Das Kind, dass sich wahnsinnig anstrengt und statt 40 Rechtschreibfehlern nur 20 macht, kriegt ja immer noch eine Vier.

In Schleswig-Holstein werden Haupt- und Realschulen zu Regelschulen vereint. Was halten Sie davon?

Das finde ich richtig – als ersten Schritt. Denn ein Politiker, der heute sagt, wir schaffen das Gymnasium ab, kann abdanken. Ich kann aber frei heraus sagen, dass ich für die neunjährige gemeinsame Schule bin.

Die Uni Kiel bietet künftig ein Masterstudium für Schulleiter. Sinnvoll?

Ja! Denn in Deutschland ist es noch weitgehend vom Zufall abhängig, ob ein Pädagoge auch ein guter Schulleiter wird.

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Zusätzliche Information

Kinder stark machen_83

Barbara Riekmann, Leiterin MAX-BRAUER-SCHULE, HH (Preisträger Deutscher Schulpreis 2006),
Do., 24.05.07, in Kiel

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