Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:
Landtagsrede zum Thema Gemeinsamer Ethik- und Religionskundeunterricht
Dazu sagt die schulpolitische Sprecherin, Anke Erdmann:
Wir reden hier heute nicht darüber, ob wir für oder gegen Wertevermittlung und Religion in der Schule sind, sondern über das wie. Ziel eines solchen Unterrichts, der Ethik und Religion in den Mittelpunkt stellt, muss die Integration, die Gleichberechtigung und das Zusammenleben in kultureller Vielfalt sein. Aber er kann auch Raum geben, damit Kinder und Jugendliche ihre eigene Perspektive vertiefen und hinterfragen können. Diesen Ansatz kann man unterstützen, unabhängig davon, wie man persönlich zum Thema Religion steht und welche Bedeutung man Glauben beimisst.
Unsere Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlich – das gilt auch bei religiöser oder weltanschaulicher Prägung des Elternhauses, die häufig auch bi-nationale oder bi-konfessionelle sind. An unseren Schulen lernen längst Kinder mit muslimischem, christlich-orthodoxem, jüdischem, christliche-freikirchlichem oder hinduistischen Hintergrund.
Aber auch für konfessionslose SchülerInnen ist der klassische Religionsunterricht nicht das richtige Angebot. Ihnen wird dann der "andere Unterricht" angeboten. Konkret berichten Eltern, dass der Ethikunterricht an unsere Schulen gar nicht – oder nur unattraktiv in Nachmittagsstunden – angeboten wird. Es fehlt uns also doppelt an Gleichbehandlung.
Wer betont, dass es wichtig ist, die eigene religiöse Identität zu stärken, damit es zu Toleranz kommt, der muss natürlich eine Antwort für alle Schülerinnen und Schüler haben. Entweder biete ich also allen Schülerinnen und Schülern entsprechenden Unterricht an – konfessionsgebundenen oder konfessionslosen. Der eingeschlagene Weg, Ethik- und Islamunterricht anzubieten, ist ja nur ein erster Schritt. Allein diese beiden Fächer bedarfsgerecht anzubieten, wäre ein enormer Kraftakt, von den restlichen ganz zu schweigen.
Als Protestantin, als Bürgerin sage ich: Gerade weil Religion gesellschaftlich wichtig bleibt, sich die Bedeutung dieses Themas aber wandelt, gerade deshalb müssen wir über einen Wandel im Bereich Religions-und Ethikunterricht nachdenken.
Was unsere Gesellschaft braucht, ist die Fähigkeit zum interreligiösen, zum transreligiösen Dialog. Das Wissen um- und voneinander, die Grundlage für Toleranz – da ist ein gemeinsamer Unterricht eine zeitgemäße Antwort.
Schauen wir nach Hamburg: "Religion für alle" – das ist zum Hamburger Erfolgsmodell geworden – seit Jahrzehnten! Mir gefällt daran, dass es einen gemeinsamen, konfessionsübergreifenden Unterricht gibt, in dem es nur um den religionswissenschaftlichen Blick von außen auf die Religion geht, sondern wo auch die Binnenperspektive eine Rolle spielt: Ich als Muslima, ich als katholischer Christ, ich als Jüdin, ich als Atheist… Und das Fach ist so konzipiert, dass bis zur neunten Klasse auch die konfessionslosen ohne Einschränkung ihren Platz finden. Danach wird Ethik als gleichberechtigtes Wahlfach angeboten.
Ich beantrage für meine Fraktion Ausschussüberweisung – das ist ein guter Anstoß, der Linken. Mir ist aber wichtig, dass wir das nicht als Grabenkampf organisieren. Wenn das erfolgreich sein soll, gilt es auch – wie auch in Hamburg – die Kirchen mitzunehmen.
Und allen, die Befürchten, dass die Initiative der Linken zu einer weiteren Säkularisierung beiträgt, entgegne ich: "Wichtig ist auf dem Platz" – und das heißt hier nicht Schule, sondern – jetzt mal aus meiner protestantischen Sicht: Kirche. Wer in der Schule unter Dauerstress steht, der hat für Jugendgruppen, Gottesdienstgestaltung, Kirchentage und die eigene religiöse oder weltanschauliche Identitätsentwicklung keine Zeit mehr.