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28. Oktober 2002

Müssen wir Berufsausbildung neu buchstabieren?

Sehr geehrter Herr Hansen, sehr geehrte Delegierte,

Ihr Motto lautet „keine Zukunft ohne Berufliche Bildung“. Dem kann ich nur zustimmen. Aber dieses Motto ist kein Selbstgänger!

Jahrzehntelang wurde das deutsche Berufsausbildungssystem im Ausland bewundert. Das duale System galt geradezu als Standortfaktor erster Güte. Noch heute gewährleistet es, dass fast 9/10 aller Jugendlichen eine staatlich anerkannte Qualifikation erhalten.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es mehren sich die Signale, die uns davor warnen, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Immer weniger findet die Berufsausbildung im klassischen dualen System statt – immer mehr läuft auf anderen privaten oder staatlichen Wegen. Und wir müssen uns fragen, ob wir an den Bewährten festhalten, oder neue Wege gehen – und wenn wohin. Dazu müssen wir erst mal die Probleme analysieren:

  • Die Berufswelt wird immer komplexer: Im Vergleich zu anderen Ländern produzieren wir zuwenig qualifizierte Fachleute. Gerade in den technischen Berufen wachsen die Anforderungen. Während in Ländern wie Japan oder Finnland bereits über die Hälfte der Jugendlichen Abitur macht, dümpeln wir bei 25%. In vielen Ländern gibt es Kurzstudiengänge an den Hochschulen, die Fachleute ausbilden – und das oft genauso praxisnah wie bei uns in der Lehre, aber qualitativ auf höherem Niveau.
  • In dem deutschen System gibt es die meisten Lehrstellen nicht in den Zukunftsindustrien, sondern im klassischen Handwerk, wo der „Lehrling“ noch mitarbeitet. Dagegen verabschiedet sich die Industrie wegen der hohen Kosten zunehmend aus der Berufsausbildung.
  • Zu viele Jugendliche brechen ihre Lehre ab, gehen nach der Lehre studieren, machen anschließend eine zweite Lehre. Die Hälfte arbeitet nach Untersuchungen anschließend in einem völlig anderen Beruf. Es macht z.B. einfach keinen Sinn, jedes fünfte Mädchen zur Friseurin auszubilden, obwohl nur ein Bruchteil davon gebraucht werden und dann zufrieden auf die Statistik zu verweisen, dass wir genügend Ausbildungsplätze haben.
  • Viele Jugendliche sind nach der Hauptschule nicht in der Lage, eine Berufsausbildung zu machen. Sie geraten dann bestenfalls in Warteschleifen. Berufsschulen sind oft die Reparaturwerkstätten für das Scheitern in den allgemeinen Schulen. Warteschleifen, Ausbildungsabbrecher und das Sitzenbleiben sind typisch für den deutschen Bildungsweg und führen zu immer älteren SchülerInnen und Auszubildenden.

Ergebnis: Im internationalen Vergleich drohen wir ins Hintertreffen zu geraten, weil bei uns die Berufsausbildung zu lange dauert, zu wenig Fachleute insbesondere für die technischen Fächer ausgebildet werden und zu viele solange frustriert werden, bis sie nur noch rumhängen.

Dabei hilft es nicht, die SchülerInnen oder die oft sehr engagierten LehrerInnen zu kritisieren. Es geht um das System als Ganzes, das überprüft werden muss. Dazu möchte ich im folgenden einige Thesen formulieren:

  1. An erster Stelle steht die Reform des allgemeinen Schulwesens nach PISA. Diskutiert werden muss meines Erachtens die Vorschulförderung, die Einführung von Ganztagsschulen, damit die Problem-Kinder nicht schon nachmittags vor dem Fernseher hängen, das Abschaffen des Sitzenbleibens und statt dessen mehr Förderung, wie es in anderen erfolgreicheren Ländern praktiziert wird, und der Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem. Kein Land in der Spitzengruppe von PISA hat ein gegliedertes Schulsystem, das vor dem 9. Schuljahr einsetzt.
  2. An zweiter Stelle steht die Reform der Bildungsinstitutionen. Alle skandinavischen Länder haben gute Erfahrungen mit autonomen kommunalen oder freien Schulen, deren Leistung von Außen evaluiert wird. Minimale Schulgesetze und Abschaffung der Schulaufsicht schaffen die Freiräume für kreativen Wettbewerb. Die Finanzierung muss jedoch öffentliche Aufgabe bleiben! In Schleswig-Holstein sind mit der Übertragung der Personalhoheit an viele Schulen und mit dem Versuch der Bildung von regionalen Berufsbildungszentren erste Schritte in Richtung Schulautonomie gemacht worden. Leider werden diese immer wieder durch „Reinregieren“ des Ministeriums mit Erlassen konterkariert. Hier ist noch Lernbedarf auf beiden Seiten.
  3. Als drittes plädiere ich für eine grundsätzlich neue Gesamtbewertung der für unsere Wirtschaft erforderlichen Berufsqualifikationen. Dazu gehören die wissenschaftlich orientierten Vollstudiengänge, ggf. berufsorientierte Kurzstudiengänge (Bachelor ?), staatliche und private Berufsausbildungen unterschiedlichster Art , die verschiedenen Ausbildungsgänge im dualen System bzw. im trialen System (Studium mit dualer Berufsausbildung integriert) und die Weiterqualifikationen (Meister, Techniker, usw.). Dabei muss gemeinsam mit Handwerk, Industrie und Dienstleistungsbranchen auf der einen Seite, und Vertretern der verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Bildungseinrichtungen auf der anderen Seite, geklärt werden, welche Abschlüsse erforderlich sind und wie sie finanziert werden können.

Für die Zukunft der dualen Ausbildung stellen sich viele Fragen:

  • Sind Industrie und große Dienstleister (Banken, Versicherungen) weiterhin in der Lage und willens, den Nachwuchs im dualen System auszubilden oder brauchen wir neue Formen (z.B. duales Kurzstudium, Berufsschule mit praktischem Teil und Betriebspraktika etc.) ?
  • Wie werden die zahlreichen Berufe, insbesondere im Dienstleistungsbereich integriert, die heute außerhalb der Dualen Ausbildung laufen (Krankenpflege, Altenpflege ...)?
  • Sollte der Unterricht in der Berufsschule und die überbetriebliche Ausbildung der Innungen nicht in den RBZ zusammengeführt werden ? Wie muss dafür die Trägerschaft aussehen?
  • Soll für Jugendliche, die keine Lehrstelle haben, anstelle von Ehrenrunden in der Berufsschule eine staatliche Berufsausbildung  angeboten werden, wie es im Ausland Standard ist ? Wie wird dann die Praxis gewährleistet?

Meine Vision ist, dass jede/r Jugendliche nach jedem Abschnitt der allgemeinen Schule sich entscheidet, ob er weitermacht (gymnasiale Oberstufe, Studium) oder ob er eine entsprechende Berufsausbildung macht. Das bedeutet, dass er sich entscheiden muss, dass aber auch Angebote existieren, so dass er sich entscheiden kann.

Für Jugendliche, die schulmüde sind, sollten praktische Lehrwerkstätten existieren.

Grundsätzlich sollte es für Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter (in Dänemark ist das 25) keine staatlichen Gelder ohne Arbeit oder Ausbildung geben.

Ehrlicherweise muss ich jedoch feststellen, es gibt viele Fragen, aber die Diskussion über die Vision eines künftigen Berufsausbildungssystems ist erst am Anfang.

Sicher ist nur eins – unser Berufsausbildungssystem steht vor großen Veränderungen – um zukunftsfähig zu bleiben bzw. zu werden.

Ich wünsche Ihnen bei der Diskussion über dieses so wichtige Thema viel Erfolg!

Zusätzliche Information

Karl-Martin Hentschel